162016Dez

Themenabend am 29.11.16 „Familienpolitik heute… Fluch oder Segen“ mit Birgit Kelle

Birgit Kelle

© Birgit Kelle



Wir haben einen faktenreichen Vortrag gehört, der Einsichten in die Beurteilung der derzeitigen Familienpolitik aus Sicht einer vierfachen Mutter und kompetenten Journalistin gab:

Ist-Zustand

Obwohl derzeit noch ca. 70% aller Kinder in Familien aufwachsen, ist das Lebensmodell der traditionellen Familie dennoch stark im Rückzug begriffen. Gemeinsame Familienzeit, wenn überhaupt vorhanden, lässt sich lt. Statistik nur noch in Minuten messen. Birgit Kelle stellt die provokante Frage:

Stirbt die traditionelle Familie aus bzw. müssen wir dieses Ideal aufgeben?

Faktoren der Veränderung:

  • ökonomischer und zeitökonomischer Druck durch Doppelverdienermodelle
  • steigende Zahl von Alleinerziehenden
  • Pluralismus von Lebensmodellen
  • Mehrkindfamilien sind im Rückzug, keine Zeit, kein Geld für Kinder

Die Erwartungshaltung an die Frau, möglichst schnell nach der Geburt von Kindern wieder zu arbeiten, verändert die Lebenswelt von Familien am stärksten und speist sich im Wesentlichen aus drei Kräften:

  • demographischer Wandel (Zusammenbruch der Sozialsysteme)
  • Fachkräftemangel (Senkung von Lohnkosten)
  • gesellschaftliche Veränderungen (hohe Scheidungsraten, Geschlechterautonomie)

In diesem Zusammenhang ist in den letzten zwei Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel in der Familienpolitik erfolgt, der diesen Wandel begleitet und verstärkt:

  • keine Förderung von Familien sondern von Einzelpersonen
  • höhere Frauenerwerbsquote politisch erwünscht
  • höhere Geburtenrate angestrebt durch flächendeckende Betreuungsangebote
  • Anreize für Doppelverdiener, Abstrafung für Eltern, die selbst betreuen
  • Social engeneering: Vater Staat statt Elternhaus, Erziehungsverantwortung vermehrt in öffentlicher Hand
  • Die Familie wird in ein Dienstleistungsverhältnis umgewandelt
  • wer zuhause bleibt, leistet familiäre „Schwarzarbeit“, fehlt bei weiblicher Erwerbsarbeit
  • Schaffung von möglichst vielen Haushaltsdienstleistungen, Staat als Wirtschaftsakteur / Care-Arbeit
  • Nachteiliges Unterhaltsrecht für Frauen: Männer tragen weniger Verantwortung, Frauen werden in die „nacheheliche Eigenverantwortung“ geschickt

Problem Armutsfalle:

  • Kinderreiche Familien und alleinerziehende Frauen sowie deren Kinder fallen in der Regel in Armut. Die Besteuerung benachteiligt Familien ab dem dritten Kind.
  • Ungerechtes Rentensystem. 1/3 der Frauen bekommt keine Kinder. Diese Frauen können gute Renten erarbeiten. Wer Kinder großzieht, fällt dagegen in ein Armutsrisiko. Wer sie allein großzieht erst recht.
  • Familienfreundliche Urteile des Bundesverfassungsgerichtes wurden nicht umgesetzt.
  • Familienförderung findet nur scheinbar statt: das Kindergeld ist keine Förderleistung, sondern besteht im Wesentlichen aus der Rückzahlung zuviel bezahlter Steuern.
  • Von 200 Mrd. Fördergeldern kommt nur rd. ein Viertel tatsächlich bei Familien an.

FAZIT: Früher bekam man Kinder, um eine gute Alterssicherung zu haben, heute bekommt man keine, um eine gute Rente zu haben.

Problem/Krippenbetreuung:

  • Keine Korrelation zwischen hohen Betreuungszahlen und höheren Geburtenraten (Beispiel Thüringen, 90% Betreuungsquote)
  • Hoher Krankenstand der unter Vierjährigen: 100% Anstieg psychischer Erkrankungen lt. Statistiken der Krankenkassen
  • Keine Wahlfreiheit für Eltern, die ihre kleinen Kinder selbst erziehen wollen, faktisch „Krippenpflicht“

Forderung nach neuen Weichen in der Familienpolitik:

  • Berufstätigkeit und Kindererziehung nacheinander, nicht nebeneinander (in den ersten drei Jahren des Kindes),
  • danach mehr Teilzeitarbeit ermöglichen, weniger Vollzeitarbeit forcieren
  • Grundsätzlich anderes Rentenmodell: Kinder als Einzahlfaktor berücksichtigen
  • Mehr Steuergerechtigkeit durch Familienlastenausgleich, Umverteilung zwischen Kinderlosen, Kinderreichen und Kinderarmen Familien.
  • Steuergerechtigkeit auch bei Verbrauchersteuern
  • Familiensplitting
  • Mehr Wahlfreiheit und Förderung bei allen Betreuungssystemen (Tagesmutter, Kita, elterliche Erziehung)
  • Keine Stigmatisierung des Mutterseins
  • Freihalten von Arbeitsplatz mindestens drei Jahre und flexible Wiedereinstiegsmodelle

Blick ins Ausland:

Bemerkenswert ist hier die Aussage, dass es länderbezogen eher unterschiedliche kulturelle Parameter sind, die die Entscheidung zum Kind beeinflussen:

Amerika
Schlechteres Betreuungsangebot, dennoch viele Kinder, da diese als Wohlstands- und Statussymbol betrachtet werden.

Frankreich
Nicht nur wegen der Betreuungsangebote bessere Geburtenrate, dort auch Absenkung, aber von höherem Niveau, außerdem mehr Wahlfreiheit, mehr Tagesmütterangebote und ab dem 3. Kind zahlen Familien keine Steuern mehr.

Norwegen:
Hohe Geburtenrate 2,0, wahlweise Betreuungsgeld bei Nichtinanspruchnahme von Krippenplätzen.

Schweden
Beste Sozialsysteme, aber hohe Depressionsrate von Müttern und Kindern, jeder heiratet durchschnittlich dreimal, schlechte Familienstrukturen, man stirbt allein.

Einig war man sich am Ende nach Betrachtung aller ökonomischen Faktoren, daß die Entscheidung für das Kind und für Familie eine von Liebe getragene sein sollte und zum Glück meist emotional getroffen wird. Damit diese Entscheidung nicht zur Falle wird, sollten wir für gute politische Rahmenbedingungen kämpfen, mit Mut, Klugheit und dem unideologischen Blick auf die Fakten.


Buchempfehlungen:

Sozialstaats-Dämmerung von Jürgen Borchert, Riemann-Verlag, ISBN: 9783570501603

Gesellschaft ohne Kinder. Woran die neue Familienpolitik scheitert, Von Stefan Fuchs. Springer Verlag