Presseschau im Dezember: Turbo-Abi – Wir erleben oft Kinder, die erschöpft sind

„Wir Eltern erleben oft Kinder, die erschöpft sind“

Presseschau im Mai: #enjoyingmotherhood – Mütter können mehr

Von Martina Lenzen-Schulte FAZ 28.04.2016
Kinderkriegen setzt ungeahnte Kräfte im Gehirn frei, das hat die Verhaltensforschung eindrucksvoll belegt. In der Debatte um die bereuenden Mütter braucht es weder Trost noch die fatale Selbstentwertung der Frauen… (Weiterlesen)

Je ne regrette rien – Alexandra Maria Linders Familienkolumne

FullSizeRender 9Alles, einfach alles haben wir falsch gemacht. A-Kind bleibt in Berlin nicht immer brav zu Hause, sondern erkundet das Nachtleben, und beten tut sie auch nicht den ganzen Tag, ganz zu schweigen von der gesunden Ernährung und all unseren Warnungen vor schlechtem Umgang, Sommerschühchen im Winter etc. pp. B-Kind gestaltet seinen Tagesablauf jetzt mit 18 und vor dem Abi noch weitgehender, wie er will, diskutiert täglich mit den Eltern und hat zu allem Überfluss noch eine eigene Meinung, die, was fällt ihm ein, von unserer abweicht.
C-Kind ist zum Glück noch in einem Alter, wo man elternliche „Erfolge“ ab und zu wenigstens erahnen kann. Und dafür habe ich auf alles verzichtet??? Selbstverwirklichung kam für Mütter jahrelang kaum in Frage – hat immer noch keine landläufig als solche bezeichnete tolle Karriere gemacht und verdient immer noch weniger als der Gatte. Und zu diesem großen mütterlichen Selbstmitleid-Kummerkasten kommt neuerdings noch der aktuellste Trend, den wir natürlich wie immer unbedingt mitmachen müssen: die bereute Mutterschaft.
Ja, sie bekennen sich und sie bereuen sich, Verzeihung, nicht sich, sondern ihre Entscheidung für ein Kind, all die frustrierten Mütter, die natürlich ihre Kinder nicht bereuen, aber ihren Status als Inhaberin der Mutterschaft (heißt das jetzt, dass sie lieber als Nachbarn ihrer Kinder fungieren würden?). Nicht einmal ihren Kaffee könnten sie trinken, viermal werde er kalt und müsse in die Mikrowelle zum Nacherhitzen. Nicht einmal in Vollzeit arbeiten können sie, ohne sich zwischen Kind und Karriere zu zerreißen. Und noch schlimmer: Sie kaufen Kleidung für die Kinder statt für sich selbst, sie sitzen in der Kinderartzpraxis statt bei der Kosmetikerin, sie müssen dorthin in den Urlaub fahren, wo es für Kinder gut ist, statt dorthin, wohin sie selbst gern führen. Oh welch unaussprechlicher Jammer. Donald Duck hätte es treffend mit Ächz, Stöhn, Keuch, Pust, Schnauf ausgedrückt.
Bei der Lektüre dieser herausexplodierenden Selbstbedauerungsergüsse, die in renommierten Zeitungen ebenso zu finden sind wie auf Internetportalen, beschleicht einen der Eindruck, dass der eigentiche Grund der überbordenden Selbstbemitleidung gar nicht die Mutterschaft ist, sondern das Gefühl, nicht konsequent und permanent das getan zu haben, was heutzutage am meisten zählt und von vielen überzeugten Einzellebewesen vorgelebt wird: Sich ohne Rücksicht auf andere und auf Kosten vieler total selbst zu verwirklichen. Was für eine Traumvorstellung! Würde ich Pharaonen ausbuddeln, dort in der Ferne im ägyptischen Wüstenland? Wäre ich Botschafterin für mein kleines, gebeuteltes Heimatland in der weiten Welt, in Südamerika? Hätte ich wohl doch noch meine Opernkarriere gestartet und tourte als Diva über die Bühnen? Ach, was für ein Leben hätte man führen können ohne all die zweibeinigen Hinderer?
Die Kehrseite der Medaille zeigt sich spätestens im Alter: Kein Pendant an der Seite, mit dem man den Lebensabend verbringen möchte und kann? Keine nervigen Familienfeiern mit Kind und Kegel und Enkel oder mit Kusinen, Nichten und Neffen? Keine Idee, mit wem man einen herrlichen Urlaub oder Sonntag verbringt? Gerade diejenigen, die sich total selbstverwirklicht haben, machen dann keinen besonders glücklichen Eindruck, jedenfalls keinen glücklicheren als diejenigen, die die Hütte voll hatten.

Jeder, der behauptet, Karriere und Familie ginge gleichzeitig und in Perfektion, hat noch nie die Nächte durchgemacht, um Windeln zu wechseln, Babies zu stillen und nebenbei seine Abschlussarbeit an der Universität zu schreiben ( das Ergebnis sind unter anderem blaue Ringe unter den Augen statt Lidschatten darüber). Was den klagenden Damen fehlt, ist das Sich-Freimachende von dem Druck, der in unseren Gesellschaften ausgeübt wird. Verzeihung, aber es ist absolut unserer Sache, wie wir unser Famiienleben regeln, wer welche Aufgaben übernimmt, wie wir Karriere definieren und überhaupt. Und zum Jammern haben wir keine Zeit.
Besonders prickelnd ist in diesem Zusammenhang die These der Verursacherin des ganzen Mitleids-Hypes, die Mutterschaft als „kulturelles und historisches Konstrukt“ bezeichnet. Na dann könnten wir das ja problemlos gendern, äh ändern: Jungs, jetzt seid Ihr mal dran mit Schwangerschaftsgymnastik und Umstandskleidung.
In der ganzen Diskussion ist keine Rede davon, was die „unterdrückende“ Mutterschaft an woanders kaum zu erwerbenden Kenntnissen verursacht. Welcher selbstvewirklichte Einzelzeller kann mit fremdsprachigen Stofftieren spontane Theateraufführungen inszenieren, Schaukelgerüste bauen, sich zwischen Ritter Rost, Schlagzeugstunde und Tanzeinlage auf intellektuelle Arbeit konzentrieren, ein kleines Unternehmen leiten, eine Horde Heranwachsender bändigen, Heuschreckenschwärme füttern, Elternsprechtage heroisch überstehen, tägliche diplomatische Krisen bewältigen, Achtzehnstundetage pausenlos absolvieren? Ich klaue mal bei Edith Piaf: Non, je ne regrette rien.

Quelle: Vatican Magazin, Heft 4 – April 2016. Rubrik Ach nee, Kinder! Familienkolumne
Schlagwörter: Alexandra Maria Linders, bereute Mutterschaft, Selbsverwirklichung

Stress – das unterschätzte Problem frühkindlicher Betreuung“ Dr. Rainer Böhm
05.03.2016

Kleinkinder sollen immer früher und immer länger fremd betreut werden, in Kitas oder von Tagesmüttern. Das ist gut für ihre Entwicklung, heißt es gebetsmühlenartig. Politik und Wirtschaft sorgen seit Jahren dafür, dass die Unterbringung der Unter-Dreijährigen ausgebaut wird. Doch längst nicht jeder beklatscht diese flächendeckende Fremdbetreuung: Eine gewichtige Gegenstimme gehört Dr. Rainer Böhm, Facharzt für Kinder und Jugendmedizin und Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bethel. Was er am Freitag beim Pädagogischen Fachtag „Stress – das unterschätzte Problem frühkindlicher Betreuung“ in der Ev. Familienbildungsstätte zu sagen hatte, stimmte die Besucher nachdenklich. Die Gesundheit der Kleinen, so war zu hören, sei in Gefahr.
Böhm, der schon als Sachverständiger für den Familienausschuss des Bundestages tätig war, stellte Langzeitstudien vor, die die Entwicklung von Kindern, die allzu früh fremdbetreut wurden, über viele Jahre nachzeichnen. Eine der zentralen Thesen lautet: „Je früher und je länger Kleinkinder außerfamiliär betreut werden, desto auffälliger im Sozialverhalten können sie werden.“ Die kognitive – also die intellektuelle – Entwicklung könne von frühkindlicher Betreuung profitieren, vor allem, wenn diese qualitativ hochwertig sei. Die sozio-emotionale Entwicklung, die grundlegend ist für das Sozialverhalten, aber nicht.
Bei Kindern, die früh außerfamiliär betreut würden, seien im Vorschulalter häufiger negative Eigenschaften zu beobachten: Von Angeberei war die Rede, Eifersucht, Streiten, Dazwischenplappern, Clown spielen, aggressivem Verhalten, körperlichen Attacken. Noch bei älteren Kindern sind laut der Studien negative Folgen nachzuweisen: So sei die Gesundheit von Kindern, die sehr früh fremdbetreut wurden, teilweise schlechter, ihre Lebenzufriedenheit sei geringer und – erschreckend – die Kriminalitätsrate höher.
Emotional stabilen Kleinkindern könne das geltende System eher wenig anhaben, sagte Böhm. Sorgen müsse man sich aber um sensiblere Jungen und Mädchen machen. Kinder seien „darauf angewiesen, dass die Erwachsenen ihnen ein verantwortbares Stressniveau präsentieren“. Zuvorderst gehe es um sichere Bindung, zumeist zu den Müttern und Vätern. Diese führe zu höherer Konzentrationsfähigkeit, zu ausgeprägterem Einfühlungsvermögen – zu Menschen mit Selbstvertrauen, die auch Hilfe annehmen können.

Studien zu Stresshormon Cortisol

„Eltern sind oft nicht zu toppen, das sollte man nicht ohne Not aufgeben“, so Böhm. Er stellte auch Untersuchungen zu Cortisol, dem Stresshormon, vor. Danach konnte bei einigen U 3-Kindern eine chronische Stressbelastung nachgewiesen werden, die schädlich für das Nervensystem sein kann. Noch bei 15-Jährigen seien die Auswirkungen belegbar. Zudem seien Infektionskrankheiten, Neurodermitis und Kopfschmerzen bei Kleinsten in Betreuung häufiger feststellbar.
Böhm plädierte dafür, Kinder unter zwei Jahren gar nicht in Gruppen betreuen zu lassen und Kinder zwischen zwei und drei Jahren maximal halbtags. Die U 3-Betreuung müsse einen hohen Qualitätsanspruch erfüllen, Gruppengrößen müssten gering sein und eine Altersmischung sei zu vermeiden.

Wahlmöglichkeit für Eltern nötig

Dass Eltern oft den Satz hörten, sie hätten schlechtere Karten, ihre Kinder in der Kita unterzubringen, wenn diese schon drei Jahre oder älter seien, kritisierte Böhm: Es sei dringend nötig, dass die Wahlmöglichkeit für Eltern bestehe und diese gesellschaftlich anerkannt sei. Dass Eltern Gegenwind spürten, sei nicht zu akzeptieren: „Wir lassen uns zu viel bieten; die Eltern müssen kämpfen.“ Böhm appellierte auch an die Erzieherinnen: „Bilden Sie sich fort.“ Es sei immens wichtig, „stille Belastungszeichen, Stress und Traumata“ erkennen zu können – immens wichtig für die lebenslange Gesundheit der Kinder.
Frühe Fremdbetreuung gefährdet Gesundheit | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/staedte/muelheim/fruehe-fremdbetreuung-gefaehrdet-gesundheit-aimp-id11623401.html#plx2106946270

Leserbrief zum Artikel „Viele Kinder erfahren Gewalt statt Geborgenheit“, Titelseite der neue Westfälische Zeitung,19.2.2016, Dorothea Böhm

Man sollte meinen, dass wir in Sachen Vorbeugung von Kindesmisshandlung nichts unversucht lassen. Man sollte meinen, dass wir schon um der Kinder willen alles dafür tun, damit Mütter und Väter vor Stress, Zeit- und Geldnot geschützt sind. Die (familienministerial gewollte) Realität sieht jedoch anders aus. Das Motto „gutes Geld für gute Arbeit“ gilt nur außer Haus, jede innerfamiliär geleistete Care-Arbeit muss der Gesellschaft geschenkt werden. Als Folge davon sind Eltern zu zusätzlicher Erwerbsarbeit genötigt und geradezu zwangsweise überlastet.
Aber nicht nur überlastete Eltern geraten in Gefahr zu entgleisen und ihre Kinder zu misshandeln. Nicht nur Schläge, Anschreien und kühle Abweisung sind für Kinder traumatisierend. Ob es uns passt oder nicht, die von Ökonomieseite bejubelte U3-Betreuung ist ebenfalls reale Kindesmisshandlung! Wenn Mama oder Papa trotz des verzweifelten Appellweinens ihres Kinds fortgehen, hört es nach kurzer Zeit auf zu weinen. Die Eltern werden mit diesem Umstand später beschwichtigt. Die betreffenden Kinder haben sich jedoch mitnichten „beruhigt“, sie folgen einem uralten genetischen Programm, in der Schutzlosigkeit des Verlassenseins nur ja keine Beutegreifer durch Geräusche auf sich aufmerksam zu machen. Deswegen sind sie still und buchstäblich erstarrt vor Angst, weswegen dies als „Freeze“ bezeichnet wird. Menschen sind weder Nestflüchter noch Nesthocker, sondern, wie alle höheren Primaten, Traglinge. Ausbau und Förderung der U3-Betreuung ist eine Fehlentwicklung. In den ersten drei Lebensjahren ist unser emotionaler Fürsorgebedarf aufwändig und nur durch Liebe, primäre Bindung und im Modus 1:1 vollumfänglich zu gewährleisten. Deswegen sind Menschen auch „gemeinte“ Einlinge. Erst ab etwa dem vierten Geburtstag sind Kinder gemäß ihres Entwicklungsstand in der Lage, ohne Schmerz und Schaden einige Stunden lang ohne ihre primäre Bezugsperson auszukommen und damit tagesgruppenkompatibel. Nur wenn wir uns darauf besinnen, wie wir Kinder in evolutionär vorgesehener Weise aufwachsen lassen, fördern wir Wohlbefinden, Glücksgefühl, Resilienz, Empathie – und gewaltfreie Erziehung, wenn die späteren Erwachsenen selbst Eltern werden.